>> MIZ.ch
>> MIZ.ch
>> MIZ.ch
Deutschfrançais
>> MIZ.ch
   
     
 

Treffen der Parlamentarischen Gruppe Musik in Flims zum Thema musikalische Bildung

Das letzte Treffen der Parlamentarischen Gruppe Musik fand im Rahmen der Herbstsession im Hotel Waldhaus in Flims (GR) am 5. Oktober 2006 statt. Dieser Anlass wurde vom Schweizer Musikrat SMR gemeinsam mit dem Verband Musikschulen Schweiz VMS und dem Verband Schweizer Schulmusik VSSM organisiert.

Im Zentrum unseres Treffens in Flims stand die musikalische Bildung, d.h. das Musizieren in der schulfreien Zeit an den Musikschulen und das Fach Musik in der Volksschule, die Schulmusik.

Referenten:

Copyright: Edwin Amacher/chorus

 

Handlungsspielraum für die musikalische Bildung


Grundsätzliche Fragen zur musikalischen Bildung in der Volksschule und den Musikschulen standen an der Herbstsession in Flims im Zentrum des vom Schweizer Musikrat organisierten 7. Treffens der Parlamentarischen Gruppe Musik mit Mitgliedern musikalischer Verbände. Bedeutsames Fazit: Mit der Lancierung von Verfassungsinitiativen auf Bundesebene und auch parallel dazu auf den kantonalen Ebenen soll die gesetzliche Verankerung der musikalischen Bildung vorangetrieben werden.

 

Just an dem Tag, als sich der Nationalrat gegen den Vorschlag des Bundesrates für eine Erhöhung des Bildungsbudgets um acht Prozent aussprach, beschäftigten sich einige Mitglieder des Parlamentes auch noch mit der musikalischen Bildung. Stehen die Zeichen dafür also besser als auch schon? Die Argumente für eine fundierte musikalische Ausbildung aller Kinder und Jugendlichen liegen schon längst in Form unzähliger Studien zur positiven Wirkung aktiven Musizierens auf dem Tisch. Dennoch kämpfen Musiklehrkräfte und ihre Verbände nach wie vor um Anerkennung und Unterstützung. Die grosse Frage, was denn zu tun sei, damit die Dringlichkeit des Anliegens nach einer fundierten Gemütsbildung aller Kinder endlich auf breiter Front erkannt werde, brennt schon seit Jahren. Und so erstaunt es nicht, dass genau diese Frage als erste von Nationalrat Peter Vollmer am 5. Oktober in Flims gestellt wurde. Daraus entstand eine fruchtbare Diskussion zwischen Mitgliedern der Parlamentarischen Gruppe Musik (PGM) sowie Vertreterinnen und Vertretern musikalischer Verbände unter der Leitung von Nationalrätin und PGM-Präsidentin Christine Egerszegi. Die musikalische Begrüssung durch den Illanzer Kinderchor «Mini-Cantastico» unter der Leitung von Silvio Dietrich und die Referate von Hector Herzig, Präsident des Verbandes Musikschulen Schweiz VMS, und Armon Caviezel, Co-Präsident des Verbandes Schweizer Schulmusik VSSM, waren der ideale Einstieg dazu.

 

Gemütsbildung ist Chefsache
In Anlehnung an die Argumentation von Francis Cheneval (Die offene Gesellschaft und ihre guten Töne, SMZ 9/2005 Seite 3) ist für Hector Herzig und Armon Caviezel der demokratische Staat mitverantwortlich für die Heranbildung mündiger und freier Menschen. Da eine demokratische Gesellschaft nur mit solchen Bürgerinnen und Bürgern funktionieren kann, bedarf ihre Ausbildung grösster Sorgfalt und Umsicht, da sie das Kapital dieses Staates bilden. Die Vermittlung reiner Wissensfächer zeitigt keine ganzheitliche Menschenbildung. Es ist unabdingbar und damit Chefaufgabe des Staates, auch dafür zu sorgen, dass allen Kindern in der Schulzeit obligatorisch Gemütsbildung zu Teil wird. Diese beinhaltet neben den Wissensfächern auch «weiche» Fächer, die immer mehr an den Rand gedrängt werden. Zu denen gehört auch die Musik. Darüber hinaus muss es möglich sein, dass der freiwillige weiterführende Unterricht an den Musikschulen für alle Kinder möglich ist. Hector Herzig wies auf den enormen Leistungsdruck in den Musikschulen hin: «Auf der einen Seite die Eltern, die hohe Gebühren zahlen und deshalb immer wieder überprüfen, ob das Kind noch Spass hat, noch Fortschritte macht und die hohen Ausgaben <sich lohnen>. Auf der anderen Seite das Damoklesschwert der öffentlichen Hand, die keine Möglichkeit auslässt, die musikalische Bildungsarbeit immer wieder in Frage zu stellen.» Die Musikschulen seien dabei, sich vor lauter Rechtfertigungszwang in einem Analyserausch zu verlieren und den Blick auf das Ganze zu verlieren. Erwünscht wären, so Herzig, Berater der öffentlichen Hand, die das Kunststück zuwege brächten, aufzuzeigen, «wie man finanzielle Ressourcen so optimieren kann, dass der pädagogische, künstlerische und soziale Auftrag und sein Gewinn nicht beschädigt werden.» Benchmarking – vereinfacht und verkürzt gesagt: Massstäbe setzen – allein genüge nicht, wie die Erfahrung in Liestal zeigt. Hier hat sich das ISO-zertifizierte Qualitätsmanagement an der Musikschule nach innen positiv ausgewirkt, nach aussen jedoch kaum Wirkung gezeigt. Wichtig sei es jetzt, den politischen Prozess voranzubringen und zwar mit Verfassungsinitiativen sowohl auf Bundesebene wie auch auf kantonaler Ebene. Hinzu komme die Schaffung eines Fensters nach aussen: Der VMS lanciert ab Herbst 2007 ein jährlich stattfindendes Forum Musikalische Bildung, das für aktuelle Fragen und Probleme der musikalischen Bildung eine möglichst breite Öffentlichkeit sensibilisieren möchte.

 

Massnahmen zugunsten der Schulmusik
Auch Armon Caviezel ging in seinem Referat von den positiven Auswirkungen der Beschäftigung mit dem «Universum Musik» aus. Er verwies auf die in der Schweiz durchgeführten Schulversuche mit mehr Musikunterricht, deren Resultate durchwegs positiv ausfielen. Und umso harscher ist seine Kritik am Bericht des Bundesrates Musikalische Bildung in der Schweiz, in welchem der ausführliche Expertenbericht über die Situation in der Schulmusik auf karge zehn Zeilen zusammengestrichen worden ist, die den Eindruck erwecken könnten, bezüglich der Schulmusik bestehe kein Handlungsbedarf. Für Caviezel ist ganz klar, dass der Musikunterricht an den Volksschulen als gemütsbildendes Fach bevorzugt zu behandeln ist. So müssten dafür auf allen Stufen zwei Stunden pro Woche eingesetzt werden. Um dies überhaupt ermöglichen zu können, fordert der VSSM kurz zusammengefasst unter anderen folgende Massnahmen: Der Musikunterricht an der Volksschule ist von der 1. bis zur 9. Klasse auf der Grundlage von Lehrplänen sicherzustellen, Wahlfächer sind in der Oberstufe als Ergänzung anzubieten. Damit dies auch praktisch funktioniert, müssen die Ausbildungsgänge an den pädagogischen Hochschulen so konzipiert sein, dass ein flächendeckender Musikunterricht mit qualifizierten Lehrkräften überhaupt gewährleistet werden kann. Auch für das Fach Musik müssen im Rahmen der Interkantonalen Vereinbarung über die Harmonisierung der obligatorischen Schule (HarmoS) Standards geschaffen werden wie für die Pisafächer Erstsprache, Fremdsprachen, Mathematik und Naturwissenschaften. Dadurch kann der Stand und die Qualität der Ausbildung auch im Fach Musik wie in den andern Fächern überprüft werden.

 

Offene Fragen und Lösungsansätze
Dies alles war Stoff für die folgende aufschlussreiche Diskussion, an der sich auch die Nationalrätinnen und Nationalräte Walter Jermann, Susanne Leutenegger Oberholzer, Maria Roth-Bernasconi, die Ständeräte Theo Maissen und Eugen David sowie Hans Luternauer und Raimund Alig vom Schweizer Blasmusikverband, Luzius Hassler von der Schweizerischen Chorvereinigung, Ernst W. Weber von der Orff-Gesellschaft Schweiz und Jean-Pierre Salamin vom Schweizer Musikrat aktiv beteiligten. Einige Fragen blieben unbeantwortet, etwa, wie die Wirkung musikalischer Bildung zu quantifizieren wäre, oder wie vor allem auch die Eltern davon überzeugt werden könnten, dass gemütsbildender Unterricht genauso wichtig ist wie die Wissensvermittlung. Dass der Musikunterricht an der Schule obligatorisch zu erklären und darin ein Leistungsnachweis zu erbringen sei – wobei die einzelnen Fächer an der Volksschule jedoch nicht gegeneinander ausgespielt werden dürften – darüber war man sich einig. Nicht geklärt ist, wo die Grenze zu ziehen wäre zwischen einem Obligatorium an der Schule und der Freiwilligkeit. Festgehalten wurde weiter, dass eine systematische Ausbildung in Musik ab der Grundstufe bis hinauf in die Pädagogischen Hochschulen fehlt, da Musik in den Schulen vielerorts lediglich als Entspannung gesehen wird und nicht als ein Fach für Kunst- und Kulturvermittlung. Wichtig für die kontinuierliche Ausbildung ist eine stimmige Systematik ab der Grundstufe, mittels derer definierte Leistungen erbracht werden können. Ebenso wurde auf die Situation der musikalischen Bildung im Rahmen der Berufsbildung hingewiesen. Hier hofft man darauf, dass die entsprechenden Passagen im Kulturförderungsgesetz erhalten bleiben. Die Botschaft des Bundesrates an das Parlament dazu wird per Ende Jahr erwartet.
Konsens herrschte auch darin, dass die positiven Wirkungen des aktiven Musizierens noch besser kommuniziert werden könnten: Zum Beispiel wäre ein Nachweis zu erbringen, dass frühzeitliche Musikerziehung einen Vorteil beim Sprachenlernen bringt. Zudem wurde bislang der sozialpolitische Aspekt einer fundierten Musikerziehung zu wenig hervorgehoben: In der Regel sind musizierende Jugendliche sozial integrierter als nicht musizierende. Musik müsste also zu einer Selbstverständlichkeit werden, denn sie leistet einen entscheidenden Beitrag zur Prävention, Integration und Sozialisation. Und schliesslich sei die Basis nicht zu vergessen, die zahlreichen musikalischen Vereine. Deren Anstrengungen und Aktivitäten im Bereich der Jugendarbeit sollte viel mehr anerkannt und unterstützt werden.

 

Verfassungsinitiativen für die musikalische Bildung
Einmal mehr wurde festgestellt, dass die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) das Schlüsselorgan bezüglich der musikalischen Bildung ist. In diesem Gremium gilt es aber nach wie vor nachdrücklich Überzeugungsarbeit zu leisten. Und gerade hier könnte auch die PGM ihren Einfluss vermehrt geltend machen. Ein weiteres Mittel, sich Gehör zu verschaffen, insbesondere auch bei der EDK, ist die Lancierung einer Volksinitiative. Mit diesem Gedanken stehen die musikalischen Verbände nicht alleine da. Denn eine Verfassungsinitiative, die das Grundangebot an musikalischer Bildung in den Lehrplänen verankern und das Angebot für diejenigen, die sich freiwillig musikalisch weiterbilden möchten, absichern würde, ist für die PGM-Präsidentin Christine Egerszegi eigentlich schon lange ein Thema. Die Kerngruppe der PGM könnte durchaus dazu bereit sein, im Patronatskomitee mitzuwirken. Wichtig sei die Einbindung der Laienverbände, nicht nur der Profis. Es seien Allianzen zu schaffen zwischen allen Vereinen und Verbänden, um die nötige Kraft zu sichern. Auch Nationalrätin Susanne Leutenegger glaubt, dass Initiativen auf Bundes- und kantonaler Ebene den dringend notwendigen breiten Diskurs auslösen könnten. So scheint es, als sei die Zeit wirklich reif für politische Aktivitäten, zumal laut der Parlamentarischen Gruppe Musik der oben erwähnte und viel geschmähte Bundesratsbericht wie auch die parlamentarischen Vorstösse zur musikalischen Bildung noch nicht vom Tisch seien. Hier besteht also noch Handlungsspielraum, den es zu nutzen gilt.

 

ã Katrin Spelinova/SMZ Nov. 2006

23.10.2006/22.11.2006