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Neuer Wind in der musikalischen Lobbyarbeit unter der Bundeskuppel?


Wer seinen Anliegen auf politischer Ebene Gehör verschaffen will, der braucht eine Lobby. Das gilt auch für Anliegen rund um die Musik. Diese Einsicht hat den Schweizer Musikrat zum Handeln bewegt. Er hat sich zum Ziel gesetzt, die Musik im Bundeshaus vermehrt zum Thema zu machen. Auf seine Initiative hin haben vier Nationalrätinnen aus den vier Bundesratsparteien während der Herbstsession Werbung gemacht für eine neue «Parlamentarischen Gruppe Musik» (PGM). 64 Nationalräte und Ständerätinnen aus allen Parteien und Landesteilen haben sie für das Projekt mittlerweile gewinnen können. Ist das der Anfang einer starken Musiklobby in der Schweiz? David Schwarb hat bei FDP-Nationalrätin Christine Egerszegi nachgefragt. Sie ist die Präsidentin der PGM.


David Schwarb
: Christine Egerszegi, als Sie im Dezember des vergangenen Jahres vom Musikrat angefragt wurden, das Präsidium der PGM zu übernehmen, haben Sie ziemlich spontan zugesagt. Was war Ihre Motivation?

Christine Egerszegi: Auf der einen Seite war Musik immer ein wichtiger Teil in meinem Leben. Auf der anderen Seite hatte ich stets das Gefühl, die Anerkennung der Musik sei zu wenig breit, zumal im Vergleich mit der Anerkennung, die der Sport erhält.

D.S.: Zusammen mit drei Kolleginnen haben Sie die PGM in den Fraktionssitzungen vor der letzten Herbstsession vorgestellt und gefragt, wer mitmachen möchte. Auf Anhieb haben Sie 30 positive Antworten gekommen; mittlerweile sind 64 Mitglieder in der Gruppe. Haben Sie dieses grosse Echo erwartet?

Ch.E.: Nein – und ich muss dazu sagen, dass dieser grosse Widerhall ist nicht zuletzt den interessierten Musikkreisen zu verdanken ist: den Musikgesellschaften in den Dörfern, den Blasmusikvereinen, den Musikschulen etc. Sie haben die ihnen bekannten Mitglieder des Parlaments gebeten, in der PGM mitzumachen. Diese breite Abstützung hat mich ungemein gefreut.

D.S.: Das klingt jetzt so, als hätten viele Parlamentarierinnen und Parlamentarier mit dem Beitritt zu PGM einem Teil ihrer Wählerschaft einen Gefallen getan. Sind diese Mitglieder auch wirklich mit Herzblut dabei?

Ch.E.: Ich bin überzeugt davon. Pro-forma-Mitgliedschaften gibt es nicht.

D.S.: Jetzt sitzen in dieser Gruppe 64 Parlamentsmitglieder von ganz unterschiedlicher politischer Couleur, das Spektrum reicht von der „Partei der Arbeit“ bis zum rechten Rand der SVP. Wo liegt da der gemeinsame Nenner in Bezug auf die Musik?

Ch.E.: Der gemeinsame Nenner ist schlicht und einfach die Überzeugung, dass Musik etwas ganz Besonderes ist. Es ist die Erkenntnis, dass man gemeinsam – wenn jeder den Takt einhält und dem vorgegebenen Rhythmus folgt – zu einem Resultat gelangen kann, das allgemein Freude bereitet, beim Zuhören genauso wie beim Spielen.

D.S.: Die PGM ist sehr lose organisiert. Ihre Mitglieder treffen sich einmal pro Session – und auch dann nur zu einem Business-Lunch. Wie bewegt ist diese Gruppe überhaupt?

Ch.E.: Es ist üblich, dass sich Parlamentariergruppen nur einmal pro Session treffen. Wir sprechen in dieser einen Sitzung mit den beteiligten Organisationen darüber, welche Themen unter den Nägeln brennen und welche wir auf uns zukommen sehen. Wir werden aber auch brieflich angesprochen, wenn es dafür einen aktuellen Anlass gibt. Vor dieser Wintersession wurden zum Beispiel alle Mitglieder der PGM angeschrieben, weil im Rahmen des anstehenden Entlastungsprogramms verschiedene Beiträge gegenüber musikalischen Organisationen vehement gekürzt werden sollten. In diesem Fall wurden die Mitglieder gebeten, in den Fraktionen darauf hinzuwirken, dass diese Kürzungen nicht in diesem Ausmass vorgenommen werden können.

D.S.: Gehen Sie davon aus, dass die Existenz der PGM wirklich einen Unterschied bewirkt; gibt es nun eine Lobby-Arbeit im Bereich Musik, die es zuvor nicht gegeben hat?

Ch.E.: Durch die Breite dieser Parlamentariergruppe ist sicher der Zugang zu den entscheidenden Verwaltungsstellen, aber auch zu den Bundesrätinnen und Bundesräten direkt gewährleistet. Davon kann man sich schon erhoffen, dass Themenbereiche, die bislang eher vernachlässigt worden sind, eine andere Gewichtung erhalten,.

D.S.: Solche Aussichten wecken in Musikkreisen schnell einmal enorme Erwartungen. Man könnte zum Beispiel das euphorische Gefühl bekommen, die Musik werde nun künftig auf keiner Sparliste des Bundes mehr erscheinen. Wie rosarot sind solche Träume?

Ch.E.: Wir können sicher nicht alle Sparmassnahmen abwenden. Wir werden aber ganz sicher unser ganzes Gewicht einsetzen bei Fragen rund um die Bildung. Es darf nicht sein, dass die musikalische Ausbildung überall auf irgendwelche 18½ Minuten pro Woche reduziert wird. Daneben gibt es aber auch offene Fragen bei der musikalischen Ausbildung der Primarlehrerinnen und -lehrer. Ausserdem muss die soziale Absicherung der Musiklehrkräfte, die in einem Teilpensum arbeiten, stark verbessert werden.

D.S.: Sie legen das Gewicht auf die Bildung. Rockproduzent x und Sinfonieorchester y können also nicht damit rechnen, dass dank der PGM jetzt plötzlich Bundesgelder in ihre Kassen fliessen.

Ch.E.: Nein. Wir erschliessen ihnen nicht finanzielle, sondern personelle Ressourcen. Denn wenn wir die Ausbildung nicht intensivieren, fehlt bald einmal in allen musikalischen Sparten der Nachwuchs. Natürlich werden wir uns aber dafür stark machen, dass jene Bundesgelder, die über die Pro Helvetia und das Bundesamt für Kultur in den Musikbereich fliessen, auch weiterhin fliessen werden und angemessen ergänzt werden, wenn das nötig ist.

D.S.: Ein Parlament macht Gesetze. Wo konkret können sie die Anliegen der Musiklobby im Gesetzgebungsprozess einfliessen lassen?

Ch.E.: Es gibt verschiedene Projekte. Wir werden und zum Beispiel dafür einsetzen, dem Kulturartikel in der neuen Bundesverfassung zum Durchbruch zum verhelfen, in dem die Unterstützung der musikalischen Ausbildung durch den Bund ja ausdrücklich verankert ist. Das heisst konkret: wir warten auf das Kulturförderungsgesetz. Seine Ausarbeitung wurde aus Spargründen stark gebremst. Hier werden wir Dampf aufsetzen und uns dann in der konkreten Ausarbeitung des Gesetzes für die Anliegen der musikalischen Ausbildung stark machen.

D.S.: Wenn Sie als realistische Politikerin abschätzen, welche konkreten Auswirkungen die Arbeit der PMG zeitigen wird, glauben sie dann, dass man so in etwa 10 Jahren etwas davon im musikalischen Alltag spüren wird?

Ch.E.: Versprechen können wir nichts. Aber eines kann ich zusichern: die PGM wird alles daran setzen, dass Musik einen eben solchen Stellenwert in der Gesellschaft bekommt, wie der Bereich Sport ihn hat. Denn egal, ob jemand sportlich oder musikalisch tätig ist: in beiden Bereichen wird grossartige erzieherische Arbeit geleistet, die wichtig ist für die Zukunft unseres Landes. Es geht nicht darum, das eine gegen das andere auszuspielen. Was wir brauchen, ist ein gleich bewertetes Einhergehen von Musik und Sport.


David Schwarb ist Musikredaktor bei DRS2. Dieses Interview führte er im Zusammenhang mit einem Beitrag für die Sendung DRS2 aktuell. Abgedruckt mit der freundlichen Genehmigung von DRS2